17. November 2019

Thema des Tages 11

Brauchen wir eine digitale Ethik?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

sie sind nicht neu und sie scheinen überflüssig zu sein, die 10 Gebote. Wenn man sich allerdings mit der Frage nach Regeln in einem digitalen Zeitalter beschäftigt, muss man sich nicht wundern, wenn man buchstäblich bei Adam und Eva landet: „Gottes Ebenbild und Brudermörder in einem“, so die evangelische Theologin Johanna Haberer in ihrem Beitrag „Regeln fürs globale Dorf“.

Johanna Haberer ist evangelische Theologin und Professorin für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät der Universität Erlangen, arbeitet als Pfarrerin, Journalistin, Germanistin und Theaterwissenschaftlerin, ist Mitherausgeberin der Zeitschrift „Publik Forum“ und vielen durch ihre Rundfunkpredigten und das „Wort zum Sonntag“ in der ARD bekannt.

Wie müssen wir also unsere digitale Zukunft gestalten, damit wir nicht wieder ein Stück aus dem „Paradies vertrieben“ werden? Welche Rechte und Pflichten müssen wir uns aneignen, um unsere Freiheit und Demokratie zu sichern? Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, um dies zu garantieren?

  • Teilhabegerechtigkeit verhindert Spaltung: Der Zugang zum Internet darf kein Luxusgut sein. Allen Menschen muss die Teilhabe an schneller und kostengünstiger Kommunikation ermöglicht werden. Vor allen Dingen in ländlichen Regionen ist der Ausbau schneller Internetverbindungen wichtig, um wirtschaftlichen Wohlstand zu sichern und allen Menschen Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen.
  • Datenschutzsensibilität garantiert Würde: Die Würde, Persönlichkeit und die Selbstbestimmung des Menschen müssen durch den Schutz seiner Daten bewahrt werden. Kann der einzelne nicht mehr über seine Daten bestimmen, geraten Freiheit und Menschenwürde in Gefahr.
  • Urheberrecht sichert Privatsphäre: Für Privatpersonen ist das Beachten des Urheberrechts erst durch

die Möglichkeit, Informationen ohne großen Aufwand zu veröffentlichen, wichtig geworden.

  • Dies gilt nicht nur bei der illegalen Kopie von Musik und Filmen. Was im vertrauten Kreis der Familien oder im Freundeskreis besprochen wurde, kann sehr schnell durch Handyfotos im Netz veröffentlicht und kommentiert werden.
  • Schutzraum für Kinder und Jugendliche: Der Schutz für Kinder und Jugendliche ist in keinem europäischen Land so stark verankert wie in Deutschland. Die Kindheit muss als Schutzraum vor sexueller und roher Gewalt weiterhin gesichert werden.
  • Menschenwürdige Kommunikation pflegen: Besonders die zahlreichen Onlineplattformen bieten einerseits wertvolle Möglichkeiten, sich zu äußern und damit am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Andererseits hat sich gezeigt, dass sie aber auch Raum für unseriöse und falsche Kommunikation geben. Rufmord und wertvolle Begegnung im Netz ist immer möglich.
  • Das Strafrecht muss offline wie online gelten. Strafrechtliches Verhalten im Internet muss durch den Staat verfolgt werden.
  • Medienkompetenz sichert soziale Kommunikation: Medienkompetenz bzw. Medienbildung ist eine unverzichtbare Voraussetzung, um an sozialer Kommunikation teilhaben zu können. Deshalb sind alle verpflichtet, sich die notwendige Medienkompetenz anzueignen. Eine besondere Bedeutung kommt dabei den Schulen zu. Wir Lehrkräfte müssen einerseits fachlich kompetent sein und auf der anderen Seite aufzeigen können nach welchen Regeln die digitale Zukunft im Beruf und im Privatleben gelingen kann.

Gebote wieder aktuell

So betrachtet gewinnen die 10 Gebote wieder an Aktualität. Das erste Gebot erinnert uns daran, frei zu werden von einem Technologieanspruch, der das Leben allumfassend bestimmt.

Auch das Gebot der Feiertagsruhe kann in der modernen Welt als „netzfreier Tag“ interpretiert werden. Er kann Anlass sein, darüber nachzudenken, ob sich der Mensch nur durch seine ökonomischen Erfolge definiert. Nutzen wir den Freiraum der „Nichterreichbarkeit“. Menschsein ist mehr als nur wirtschaftlicher Erfolg.

Das Gebot – „Du sollst Vater und Mutter ehren“ bedeutet heute „Generationenfürsorge“.

Am meisten wird wohl um das Gebot „Du sollst nicht stehlen“ diskutiert. Ist Eigentum und Diebstahl immer an ein materielles Eigentum gebunden? Können Ideen verkauft und als Eigentum beansprucht werden? Ist „Tricksen“ und „Schummeln“ erlaubt? Und die letzten beiden Gebote verweisen auf die Begehren des Menschen. Für die sozialen Netzwerke heißt das, offen zu legen, was mit den persönlichen Daten passiert, eine Art Verbraucherschutz für soziale Netzwerke.

Ganzheitliche Bildung

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, die Interpretation der 10 Gebote auf die digitale Welt kann noch wesentlich umfangreicher dargestellt werden, macht aber deutlich, dass berufliche Bildung ganzheitliche Bildung bedeutet. Sie bezieht sich auf den ganzen Menschen in seiner Rolle als kompetenter Facharbeiter, als Privatperson und Mitglied einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft.

In diesem Spannungsfeld zwischen beruflicher Ausbildung und ganzheitlicher Bildung kommt den allgemeinbildenden Fächern Deutsch, Sozialkunde, Sport, Ethik und Religion eine ganz besondere Bedeutung zu.

Es grüßt Sie herzlich

Martin Krauß
Stellvertretender Landesvorsitzender