29. Juni 2019

Thema des Tages 7

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

„Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?“, so lautet der Titel einer Veröffentlichung des renommierten Autors und Mitherausgebers der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Jürgen Kaube, studierter Volkswirt und Soziologe.

Nur gut, dass Kaube seinen Buchtitel als Frage formuliert, sodass wir unsere (vor-)schnelle Antwort gleich geben können: Nein! Wie anders sollte sie von einem überzeugten Berufsbildner lauten. 

Für die beruflichen Schulen stellt sich diese vermutlich bewusst provokativ angelegte Frage in ihrer Grundsätzlichkeit wohl kaum. Die deutsche duale Berufsausbildung wird vom Ausland her mit hoher Anerkennung betrachtet und von vielen Ländern als das Berufsbildungskonzept angesehen, das zur Lösung ihrer Berufsbildungsprobleme am ehesten geeignet erscheint. Denn es schafft einen moderaten Übergang von der Allgemeinbildung in den Beruf und damit wird gleichzeitig einer möglichen Jugendarbeitslosigkeit entgegengewirkt, wie wir sie in vielen – nicht nur europäischen – Ländern beobachten können.

In gleicher Weise hoch anerkannt ist unser berufliches Bildungssystem auch aus inländischer Perspektive. Wie sonst könnte Deutschland – als Land ohne bedeutende Vorkommen an Bodenschätzen und Rohstoffen – ökonomisch so erfolgreich und bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt in Europa die führende Wirtschaftsnation sein, die auch weltweit mit Platz 4 einen Spitzenplatz einnimmt?

Solche ökonomischen Erfolge sind neben den herausragenden deutschen Ingenieursqualitäten in hohem Maße im Berufsbildungssystems begründet, und zwar in seiner institutionell-organisatorischen Verfasstheit sowie in seiner inhaltlichen und methodisch-didaktischen Ausgestaltung. 

Mit seinen weit über 300 Ausbildungsberufen, die kontinuierlich inhaltlich am ökonomisch-technischen Fortschritt und den gesellschaftlichen Bedarfen orientiert weiterentwickelt werden, bietet die duale Berufsausbildung ein ausdifferenziertes Qualifizierungssystem für die Nachwuchskräfte in allen Wirtschafts- und Gesellschaftsbereichen.

Flankierend steht neben der dualen Berufsausbildung das System der beruflichen Vollzeitschulen, das von dem Berufsvorbereitungsjahr über das Berufsgrundschuljahr, die Berufsfachschulen, die Wirtschaftsschule, die Fachoberschule, die Berufsoberschule bis hin zu den Fachschulen und den Fachakademien reicht. Diese Vollzeitschulen bereiten auf eine anschließende duale Berufsausbildung vor bzw. sie vertiefen eine bereits absolvierte Ausbildung.

Und darüber hinaus können an diesen beruflichen Schulformen auch alle allgemeinbildenden Abschlüsse erworben werden. Damit bieten sie gleichzeitig ein individuelles und entwicklungsgerechtes Bildungsangebot. Mit der damit einhergehenden Durchlässigkeit des Bildungssystems wird zudem ein wichtiger Beitrag zum sozialen Aufstieg und zu einer innergesellschaftlichen Balance geleistet. 

An dieser Stelle ist es für uns Berufsbildner wichtig hervorzuheben, dass berufliche Bildung keineswegs auf Allgemeinbildung verzichtet, vielmehr ist sie integraler Bestandteil einer fundierten beruflichen Bildung. Wie sonst könnten an den beruflichen Schulen allgemeinbildende Abschlüsse erreicht werden?

Die Berufsbildung beschränkt sich keineswegs ausschließlich auf Nützlichkeitsaspekte, sondern sieht den Menschen als Ganzes:

Es geht ihr um berufliche Fachlichkeit und um Allgemeinbildung, um Persönlichkeitsbildung sowie um Werthaltungen. Alle diese Fakten und die überaus guten Beschäftigungschancen beruflich qualifizierter junger wie älterer Menschen sind überzeugende Belege, die – aus der Sicht der beruflichen Schulen – die Beantwortung der Eingangsfrage in der vorgenommenen Klarheit begründen.

Die hier skizzierte eindeutige Positionierung zugunsten der beruflichen Schulen beantwortet ausschließlich die im Buchtitel gestellte Frage und richtet sich nicht gegen die von Jürgen Kaube auf über 300 Seiten vorgetragenen Überlegungen. Sein Buch enthält – das kann bereits nach kurzer Lektüre gesagt werden – eine Reihe von interessanten und bedenkenswerten Anregungen für eine bessere Schule, die es sicher wert sind, im Kontext der Berufsbildung intensiver diskutiert zu werden.

Resümierend bleibt festzuhalten: Auch eine bereits gute berufliche Bildung kann noch besser werden. Dafür wollen wir uns engagieren! In diesem Sinne, liebe Kolleginnen und Kollegen, tanken Sie Kraft für die Aufgaben, die vor uns liegen, und kommen Sie gut durch den Sommer. 

Es grüßt Sie herzlichst 

Ihr
Pankraz Männlein 

VLB-Landesvorsitzender Pankraz Männlein