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23. April 2020

Hans Preißl

10. Beispiel Unterricht in Zeiten von Corona: die Krise als Chance an der Karl-Peter-Obermaier-Schule Passau

Für 120 Lehrkräfte und 2700 Schülerinnen und Schüler in 115 Klassen war von einem Tag auf den anderen die Schule dicht. Während das sonstige öffentliche Leben in und um Passau zum Erliegen kam, herrschte in der Schulfamilie Konsens: Das Lernen muss weitergehen.

Auch wenn die plötzliche Schließung überraschend kam, war die Schule nicht unvorbereitet.  

Das lebhafte Engagement des Kollegiums bei der Erstellung des Medienkonzepts, das wache Medienkompetenz-Team und die bis an die Grenze der Belastbarkeit werkelnde Mannschaft der EDV-Technik machten es möglich:  Mit dem Shutdown des Schulgebäudes konnte ein respektables digitales Bildungsangebot hochgefahren werden.  

Die letzte Türklinke war noch nicht ins Schloss gefallen, da standen schon 3000 Nutzeraccounts als Eintrittskarte in die teambasierte virtuelle Lernwelt bereit. Aber Lernen ist natürlich nicht nur eine Frage der technischen Infrastruktur.

Schülern ist nicht wirklich geholfen, wenn sie in Clouds Materialhalden durchstöbern sollen, die dort lieblos deponiert wurden. Deshalb machten sich die Lehrer tatkräftig ans Design individualisierter Lernsettings. Sie organisierten Kursinhalte für die digitale Plattform „Teams“  und erstellten in den Kursnotizbüchern interaktive abwechslungsreiche Lektionen für Schüler.  Audio- und Videotutorials unterstützen bei den Lernprozessen. In eigenen “Collaborative Spaces” ermutigen Lehrkräfte die Schüler zum Teilen, Organisieren und Zusammenarbeiten.

Die Auswirkungen der Heterogenität sind beim digitalen Lernen noch gravierender als beim analogen. Deshalb coachen die Lehrkräfte ihre Schüler, indem sie über die Chatfunktion in Echtzeit Rückmeldungen geben oder zur gegenseitigen Unterstützung anleiten. Für Abschlussschüler besteht die Möglichkeit, mit unterschiedlichen Formaten online realistisch Prüfungssituationen zu proben.

Die Digital Natives im Lehrerteam versorgten  unsere Kolleg*Innen in Online-SchiLFs per Audio-, Video- und Webkonferenz  bedarfsgerecht mit dem nötigen Know-how fürs virtuelle Lernen.

Die Coronakrise hat uns zum Sprung ins kalte Wasser gezwungen. Das grandiose Engagement der Kollegen verleitet zu der Wahrnehmung, dass dieser Sprung mehr belebend als lähmend gewirkt hat.

Trotzdem zeigen erste Erfahrungen, dass sich politische Steuerungsbedarfe auf dem weiteren Weg der digitalen Transformation ergeben.

  1. „Schule daheim“ war nur möglich, weil alle Lehrkräfte ihre komplette private IT-Infrastruktur dem Dienstherrn zur Verfügung gestellt haben. Das ist Kolleg*Innen nur in einer Ausnahmesituation zuzumuten.
     
  2. Virtuelles Lernen forciert die Entkoppelung  von Raum und Zeit. Hier ist ein Schutzmechanismus zu etablieren, der verhindert, dass eine erwartete Dauerverfügbakeit Lehrkräfte in Selbstausbeutungsmechanismen zwingt.
     
  3. Die Unterschiede unserer Schüler in Bezug auf die Nutzungsmöglichkeiten von Informations- und Kommunikationstechnologie sind enorm. Es bedarf erheblicher Anstrengungen, damit diese digitale Kluft nicht zusätzliche Ungerechtigkeiten bei den Bildungschancen produziert.

Und eins kann zuverlässig prognostiziert werden: Der Lehrer bleibt die unverzichtbare Bezugsperson, auch und gerade in digitalen Lernumgebungen.

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