27. Juli 2026

Kurzvideos im Focus

Gefährden TikTok & Co. die Lernfähigkeit?

Kurzvideos im Sekundentakt, endloses Scrollen und permanent neue Reize gehören für viele Kinder und Jugendliche längst zum Alltag. Plattformen wie TikTok, Instagram und YouTube prägen nicht nur die Freizeit, sondern zunehmend auch die Art und Weise, wie junge Menschen Informationen aufnehmen und verarbeiten.

Lange galten diese Formate vor allem als unterhaltsam und niedrigschwellig. Inzwischen rückt jedoch verstärkt die Frage in den Mittelpunkt, welche Folgen der dauerhafte Konsum kurzer, algorithmisch gesteuerter Inhalte für Lernen und Entwicklung haben könnte.

Neue Auswertungen aus der international renommierten Forschungsreihe Visible Learning geben darauf eine zunehmend kritische Antwort. Die auf Arbeiten des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie zurückgehende Datensammlung gilt als eine der umfassendsten Synthesen empirischer Bildungsforschung. Sie bündelt Ergebnisse aus tausenden Meta-Analysen mit Millionen von Schülerinnen und Schülern weltweit und erlaubt es, Einflussfaktoren auf schulisches Lernen systematisch zu vergleichen und zu gewichten.

In der jüngsten Erweiterung des Datensatzes wurden auch sogenannte Short-Form-Videos – also kurze, meist algorithmisch kuratierte Videoinhalte – als eigener Einflussfaktor berücksichtigt. Die Ergebnisse weisen auf statistisch signifikante negative Zusammenhänge hin, insbesondere bei zentralen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens: Aufmerksamkeit, Selbstregulation und kognitive Ausdauer. Auch im Bereich der psychischen Gesundheit zeigen sich Hinweise auf belastende Effekte, etwa im Zusammenhang mit erhöhtem Stresserleben oder einer größeren Anfälligkeit für Angst – wenngleich die Befundlage hier differenziert zu betrachten ist.

Auffällig ist dabei weniger die gelegentliche Nutzung als vielmehr ein Konsummuster, das durch häufige, kurze Nutzungseinheiten über den gesamten Tag hinweg geprägt ist. Das permanente Wechseln zwischen Inhalten könnte – so die Interpretation vieler Studien – langfristig zu veränderten Aufmerksamkeitsmustern führen. Für schulisches Lernen, das auf Konzentration, Ausdauer und vertieftes Denken angewiesen ist, stellt dies eine potenzielle Herausforderung dar.

Der Augsburger Schulpädagoge Klaus Zierer, der die Rezeption der Hattie-Forschung in Deutschland seit Jahren maßgeblich begleitet, warnt daher vor einer Unterschätzung dieser Entwicklung. Zugleich betont er, dass es nicht um eine pauschale Ablehnung digitaler Medien gehe, sondern um einen bewussten, reflektierten Umgang – sowohl im privaten Alltag als auch im Bildungssystem.

Vor dem Hintergrund einer intensiver werdenden gesellschaftlichen und politischen Debatte über den Umgang mit sozialen Medien stellt sich damit eine grundlegende Frage: Welche Konsequenzen lassen sich aus den aktuellen Forschungsergebnissen für Schule, Elternhaus und Bildungspolitik ziehen – und wo liegen die Grenzen ihrer Aussagekraft?

Darüber habe ich mit Klaus Zierer gesprochen.

Interview mit Prof. Dr. Klaus Zierer

Herr Zierer, Sie sprechen von „dramatisch negativen Effekten“ von Short-Form-Videos. Wie eindeutig sind die Ergebnisse aus der Visible-Learning-Forschung?

„Visible Learning“ selbst ist bis heute der größte Datensatz der empirischen Bildungsforschung und er umfasst tausende Meta-Analysen mit Millionen von Datensätzen. Damit lässt sich sehr gut sichtbar machen, was fürs Lernen wirkt und was schadet. Seit Jahren arbeiten wir an der Erweiterung und der Aktualisierung des Datensatzes, der gerade mit Blick auf die Digitalisierung stark angewachsen ist. Im Fall von Short-Form-Videos, ein neuer Faktor im aktuellen Datensatz, sehen wir einen starken negativen Effekt und das ist zweifelsfrei ein ernstzunehmender Befund.

Besonders stark scheinen die Effekte bei Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle zu sein. Warum gerade diese Bereiche?

Short-Form-Videos sind darauf ausgelegt, ständig zu belohnen und neue Reize zu liefern. Das Gehirn eines jungen Menschen kann all das nicht regulieren und ist daher überfordert. Es wird förmlich mit seiner ganzen Kapazität in einen digitalen Strudel gezogen und gewissermaßen trainiert auf schnelle Wechsel. Schule verlangt jedoch das Gegenteil: längere Konzentration und die Fähigkeit, bei einer Sache zu bleiben.

Sie sprechen von möglichen Lernverlusten von bis zu zwei Jahren. Ist das nicht eine sehr zugespitzte Interpretation statistischer Befunde?

Das ist eine Übersetzung statistischer Effektstärken in eine anschauliche Größenordnung. Natürlich ist das keine exakte Messung, aber es macht deutlich, wie gravierend die Auswirkungen sein können.

Inwiefern lassen sich aus Meta-Analysen dieser Art überhaupt belastbare Ursache-Wirkungs-Beziehungen ableiten?

Das ist ein wichtiger Punkt. Kausalität, also eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehungen, können wir in der empirischen Bildungsforschung so gut wie nie liefern, weil das Leben viel zu komplex ist. Daher sind es in der Regel Korrelationen, also Zusammenhänge, die wir sehen. Diese sind mit Blick auf Short-Form-Videos aber nicht nur signifikant, also unabhängig vom Zufall, sondern extrem bedeutsam und folgenreich.

Welche Rolle spielt das Design von Plattformen wie TikTok oder Instagram für diese Entwicklungen?

Eine sehr große, um nicht zu sagen die entscheidende. Die Plattformen sind so gestaltet, dass Nutzer möglichst lange bleiben und häufig zurückkehren. Social Media verfolgen ein einfaches Ziel: Sie wollen süchtig machen. Endloses Scrollen, ausschließlich positive Feedbackformate und algorithmische Empfehlungen sind die Mittel der Wahl der Tech-Giganten, die ihr Handwerk – in diesem Fall leider – bestens verstehen. Wir sprechen daher auch von „addictive design“.

Besteht die Gefahr, dass man ein komplexes Bildungsproblem zu stark auf ein einzelnes Medium reduziert?

Wenn Sie damit den Bildungsnotstand insgesamt meinen, in dem Deutschland sich befindet, dann haben Sie insofern recht, dass die Ursachen dafür vielfältig sind. Neben einer naiven Digitalisierung, wie sie auch bildungspolitisch in den letzten Jahren forciert wurde, ist hier auch das systematische Abwracken eines Leistungsanspruches zu nennen und die große Herausforderung der Migration, die viele Schulen vor Ort ans Limit bringt. Aber dennoch: Die negativen Effekte von Social Media im Allgemeinen und der Short-Form-Videos im Besonderen sind nicht von der Hand zu weisen und ein wichtiger Hebel, gegen den Bildungsnotstand anzugehen.

Welche bildungspolitischen Maßnahmen wären aus Ihrer Sicht notwendig, um die Lernfähigkeit von Kindern und Jugendlichen besser zu schützen?

Schule muss sich den Risiken der digitalen Welt, insbesondere von Short-Form-Videos, bewusst sein und gezielt gegensteuern. Das bedeutet einerseits, Regeln für die Nutzung von digitalen Medien aufzustellen, die gerade für private Endgeräte auch ein Verbot sein müssen, um das Ablenkungspotenzial aus den Schulen herauszuhalten, und andererseits Medienerziehung zu fördern, gerade im Hinblick auf die Einflüsse einer Digitalisierung, um Kinder mündig zu machen. Dafür braucht es keine permanente 1:1-Ausstattung.

Die Gretchenfrage: Brauchen wir strengere Regeln für soziale Medien – und wenn ja, wie könnten diese konkret aussehen?

Aus bildungswissenschaftlicher Sicht ist klar: Ja, wir sollten die Risiken ernst nehmen und entsprechend handeln. Eine Altersbegrenzung bis mindestens 16 Jahren halte ich für notwendig, dann eine kontrollierte Öffnung mit gewissen Einschränkungen bis zum 18. Lebensjahr und schließlich eine gänzliche Öffnung ab 18. Die Betreiber der Plattformen müssen entsprechend in die Pflicht genommen werden, beispielsweise durch sichere Altersverifikationen. Diese schrittweise Regulierung ist nichts Neues und bei Alkohol, Tabak, Filmen und Ausgehzeiten Gang und Gäbe. Aus diesen kann man viel lernen. Letztlich ist aber die Politik hier gefordert. Insofern ist erfreulich, dass mittlerweile parteiübergreifend eine Sensibilität für das Thema da ist, sodass auch zeitnah mit entsprechenden Entscheidungen zu rechnen ist.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Professor Zierer.