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14. April 2020

#Schulschließung #Corona - Eine erste Zwischenbetrachtung

Drei Wochen Schulschließung liegen hinter uns, sie waren ungewohnt, hektisch und arbeitsreich. Noch weiß niemand, wie das weitergehen soll… Trotzdem gibt es doch schon einige Tatsachen und Erkenntnisse.

1. Schnelle und effektive Umsetzung in der Breite

Obwohl völlig unvorbereitet kam ein Großteil der beruflichen Schulen in Bayern unter schwierigen Bedingungen rasch zu beachtlichen Ergebnisse. Die entsprechende Einträge auf der VLB-Homepage, ein Blick auf die Internetauftritte vieler Schulen, die Gespräche mit Kollegen/-innen, Ausbildern/-innen sowie Schülern/-innen belegen das. Ein konkretes Beispiel aus München: Am Freitag, 13.03.2020, erfahren die Schulen vormittags von der bevorstehenden Schließung; am Samstag spätnachmittags werden alle Lehrkräfte der Landeshauptstadt als Wahlhelfer für den Sonntag und Montag rekrutiert. Während die Kolleginnen und Kollegen (unter übrigens schwer erträglichen Bedingungen) noch auszählen, bereiten die Schulleitungen, Mitarbeiter und Administratoren alles für die entsprechenden Unterrichtsangebote vor.

Ab Dienstag, 16.03.2020, können die Kollegien sich wieder ihrer eigentlichen Arbeit widmen. Donnerstagnachmittags sind – exemplarisch für viele Schulen genannt – an den drei beruflichen Schulen in der Deroystraße etwa 70 bis 80 % aller Unterrichtsinhalte für die aktuelle Woche bei den Schülerinnen und Schülern angekommen und die entsprechenden Kommunikationskanäle aufgebaut. Am Ende der zweiten Woche kommen erste Rückmeldungen von den Schülervertretungen, dass die Menge an Unterrichtsmaterialien und Arbeitsaufträge für sie kaum noch zu schaffen sei. 

Fazit: Ich bin mir sicher, dass dieses Beispiel repräsentativ für sehr viele berufliche Schulen in Bayern ist.

2. Technische Umsetzung

Natürlich konnte vor einigen Jahren, ja selbst vor einigen Wochen noch niemand ahnen, wie plötzlich und dringend wir jetzt auf digitale Medien angewiesen sind, um selbst die „normale“ Unterrichtsversorgung aufrecht zu erhalten. Tatsache bleibt aber – auch in zahlreichen Medien wird darauf verwiesen – dass die Digitalisierung der Schulen lange nicht in dem Ausmaß und in der Qualität erfolgte, welche die Schulen und Verbände seit Jahren einfordern. Die Gelder des Digitalpakts sind dafür das beste Beispiel. Föderale Strukturen, reaktionslangsame Verwaltungsprozesse, komplizierte Ausschreibungs-, Vergabe- und Beschaffungsverfahren, ausufernde Datenschutzbestimmungen etc. erzeugen Strukturen, die dem hohen technologischen Entwicklungstempo nicht mehr gewachsen sind. Und zur Wahrheit gehört leider auch, dass Teile von Kollegien jahrelang äußerst skeptisch gegenüber der Digitalisierung der Schulen waren.

Überdeutlich zeigte sich in den vergangenen Wochen, dass Lernplattformen überfordert waren, Server unter der plötzliche Überlast den Dienst verweigerten und Unklarheit herrschte, welche medialen Plattformen und welche Formen des „distance learning“ auf welchen Kanälen überhaupt zulässig sind. Je nach Fach eignen sich unterschiedlichste Angebote, von der klassischen E-Mail über Videokonferenzen, diverse Tausch- und Dateiablageforen bis hin zu Unterrichtsvideos. Viele Kolleginnen und Kollegen arbeiten von zu Hause aus, nicht nur weil sie Infektionsketten unterbrechen wollen, sondern weil nicht wenige zu Hause eine bessere technische Infrastruktur haben als an ihren Schulen.

Fazit aus jetziger Sicht: Wir werden in der näheren Zukunft gewaltig nachholen müssen. Die Sachaufwandsträger bei der Ausstattung, die Verwaltung bei der Beschleunigung von Verfahren, die Kollegien in punkto Fortbildungen, die politischen Mandatsträger bei der Unterstützung und Finanzierung dieser Prozesse. Wir werden uns vom Gedanken verabschieden müssen, nur mit einer Lernplattform und ohne Web-/Cloud-basierte Vielfalt auszukommen.

3. Enorme Belastungen

Selbstverständlich ist der aktuelle Corona-Schock nicht mit normalen Zuständen zu vergleichen, weder in der Gesellschaft allgemein noch in den Schulen. Aber nach diesen ersten beiden Wochen des Lernens auf Distanz lässt sich feststellen, dass die Effektivität und die Effizienz auf beiden Seiten des Kabels deutlich geringer ist. Die Kommunikationsarbeit vervielfältigt sich, und zwar in bzw. aus allen Richtungen: Lehrer/Lehrer; Schüler/Lehrer; Schüler/Schüler; Betrieb/Schule. Bis zu 150 Mails am Tag scheinen für viele Lehrkräfte eher normal als die Ausnahme zu sein.

Die Schülerinnen und Schüler brauchen mit einer nur digitalen Lernbegleitung deutlich länger, um den gleichen Stoff zu bearbeiten. Die Lehrkräfte brauchen länger, um dieselbe Menge an Unterrichtsinhalten zu vermitteln. Es zeigt sich, dass die üblichen Klassengrößen für „distance learning“ viel zu hoch sind. In Staaten wie Kanada, Australien und anderen Pionieren des Prinzips „Schule daheim“ weiß man das schon lange. Übrigens auch in der betrieblichen Ausbildung bei unserem dualen Partner.

Fazit aus jetziger Sicht: Natürlich brauchen wir die Digitalisierung der Schulen, zu Zeit mehr denn je. Aber der dazu nötige Aufwand ist höher als im analogen Präsenzunterricht, nicht weniger. Allen Träumern, die in der Digitalisierung schon ein Sparpotenzial bei den Schulen zu erkennen glaubten, sei dies ins Stammbuch geschrieben.

4. Ungleiche Bedingungen für unsere Schülerinnen und Schüler

Es wurde bereits betont, dass das Lernen auf Distanz für viele Schülerinnen und Schüler eine Mehrbelastung darstellt. Die derzeitige Situation ist auch – das muss trotzdem ausdrücklich erwähnt werden – wegen der Unsicherheit in Bezug auf Notenbildung, Schulerfolg und die Abschlussprüfungen außerordentlich schwierig.

Ein großes Problem ergibt sich auch in der unterschiedlichen Ausstattung und den Zugangsmöglichkeiten zu den digitalen Angeboten unserer Schülerinnen und Schüler. Während für manche die technologische Vollausstattung selbstverständlich ist, gibt es auch solche, die nur sehr eingeschränkt Zugang haben – vornehmlich die sozial Schwächeren.

Ebenso unterschiedlich stellen sich die Möglichkeiten zum Lernen dar: Gibt es überhaupt einen Platz, der konzentriertes Lernen zulässt? Während manche Auszubildende ganz oder teilweise freigestellt sind und genug Zeit haben, gibt es andere, die im Home-Office arbeiten so gut es geht und wieder andere, die weit mehr als normal im Betrieb arbeiten müssen, um Produktionsprozesse am Laufen zu halten. Manche Betriebe nehmen Rücksicht und geben den Auszubildenden Zeit und Möglichkeit, sich den Lernstoff selbständig zu erarbeiten und unterstützen sie dabei. Andere Betriebe dagegen enthalten ihren Lehrlingen den berufsschulischen Zeitanteil vor.

Die proaktiven und deswegen oft leistungsstarken Schülerinnen und Schüler melden sich und ihnen kann geholfen werden. Den passiven, deswegen oft leistungsschwächeren ist es noch nie so leicht gefallen wie jetzt, im digitalen Kosmos abzutauchen und sich zu verstecken.

Fazit aus jetziger Sicht: „Schule daheim“ und „distance learning“ unter den gegenwärtigen Umständen wirkt als sozialer Ungleichheitsfaktor und erzeugt Ungerechtigkeit. Wie damit im Rest des Schuljahres umzugehen ist, scheint noch völlig offen.

5. Hoffnung

In den Medien ist derzeit viel zu lesen, dass die Corona-Umstände eine Beschleunigung des digitalen Wandels bei den Schulen erzwingen. Man wird sehen, wie nachhaltig diese Ansicht ist. Aber so wie Covid-19 vielerorts gnadenlos die Versäumnisse in den Gesundheitssystemen aufzeigt, so zeigen sich auch die Versäumnisse bei einer zeitgemäßen digitalen Schul- und Bildungsstruktur. Darauf wird man reagieren müssen.

Die Diskussion, ob wir die Digitalisierung überhaupt brauchen oder nicht besser bei Tafel und Kreide bleiben sollten, hat sich wohl weitgehend erledigt. Ebenso aber zeigt sich in der aktuellen Situation, dass ein guter Präsenzunterricht durch kein elektronisches Gimmick ersetzbar ist und in den meisten Fällen deutlich wirkungsvoller als passiv zu erarbeitende Online-Angebote.

Digitale Medien sind unverzichtbar und zeitgemäß, sie ergänzen und vervielfältigen das Methodenrepertoire, sie können auf vielfältige Weise Lernprozesse unterstützen und Kommunikationsprozesse neu gestalten. Für viele Fachbereiche ist sie schon heute schlicht unerlässliche Voraussetzung; dies wird mit der Umsetzung der vierten industriellen Revolution noch deutlich zunehmen. Aber sie können nicht alle Inhalte und Kompetenzen vermitteln, schon gar keine praktischen oder manuellen, sie erreichen nicht alle Adressaten im gleichen Maße.

Letztlich gilt: Guter Unterricht wird von guten Lehrkräften gemacht, egal ob mit Kreide oder mit dem Tablet. Es ist wie bei dem alten Werbespruch der FAZ: Entscheidend ist, ob ein kluger Kopf dahinter steckt.

Bleiben Sie gesund!
Es grüßt Sie – digital aber herzlich

Dr. Siegfried Hummelsberger
VLB-Referent für Bildungspolitik