Erasmus+-Schulpartnerschaften mit Kirgistan – Teil 2
Berufsbildung von der Seidenstraße bis zum Lech
Johannes Münch
Wer ein Austauschprogramm mit Kirgisistan erlebt hat, weiß, dass ein Gegenbesuch keine organisatorische Routine ist, sondern besonders herausfordert. Kirgisische Schulen empfangen ihre Gäste mit einer Selbstverständlichkeit, Herzlichkeit und kulturellen Offenheit, die tief in familiären und gesellschaftlichen Traditionen verwurzelt sind.
Zeit, Aufmerksamkeit und persönliche Nähe spielen dabei eine zentrale Rolle, also Faktoren, die sich weder vollständig planen noch eins zu eins in den strukturierten Alltag einer bayerischen beruflichen Schule übertragen lassen.
Vor diesem Spannungsfeld standen das Berufliche Schulzentrum Neusäß und die Berufliche Oberschule Neusäß, als vom 15. bis 22. Oktober 2025 eine Delegation mit Elionera Ishekeeva, Selly Gupta, Gulzada Usopova und Richard Heider, kirgisische Schulleiterinnen und Stellvertreter, zu einem einwöchigen Gegenbesuch begrüßt wurde. Die Frage war dabei nicht, wie sich kirgisische Gastfreundschaft imitieren ließe, sondern wie auf bayerisch schwäbische Weise professionell und ohne folkloristische Inszenierung der nicht existenten Schulblasmusik den eigenen Ansprüchen entsprochen werden kann. Entsprechend wurde bewusst auf ein repräsentatives Rahmenprogramm verzichtet. Der Gegenbesuch wurde stattdessen als Teilhabe am bayerischen Berufsbildungssystem und als gegenseitig fachlicher Austausch direkt aus der Berufsschulpraxis heraus verstanden.
Ankommen
Der erste Tag diente der Orientierung. Nach dem langen Nachtflug standen nicht Programmhöhepunkte, sondern das herzliche Wiedersehen und das Ankommen im Mittelpunkt. Der Empfang durch die Schulleitungen Dietmar Bauer, Manuela Meixner und Rainer Bartl markierte den formalen Beginn der Erasmus+-Woche. In offener Gesprächsatmosphäre wurden Struktur, Schülerklientel und pädagogisches Profil der beiden gastgebenden Schulen vorgestellt. Beim gemeinsamen Mittagessen im Schülercafé und während eines Rundgangs durch das Schulhaus erhielten die Gäste erste Einblicke in den Schulalltag. Bereits hier wurde deutlich, wie stark berufliche Bildung in Bayern durch Praxisnähe, Teamarbeit und Vernetzung geprägt ist.
Lernorte erweitern
Am zweiten Tag wurde der Blick gezielt über die Schule hinaus gelenkt. Auf dem Schmidbauerhof Hirblingen, einem Praxisbetrieb der Landwirtsausbildung, wurde mit dem Konzept „Der Bauernhof als Lernumgebung“ ein außerschulischer Lernort von Landwirtschaftsmeister Martin Brem vorgestellt, der berufliche Ausbildung, Umweltbewusstsein und regionale Landwirtschaft miteinander verbindet.
Beim anschließenden Empfang im Landratsamt Augsburg rückte Herwig Leiter, Leiter der Wirtschaftsförderung, die Rolle des Landkreises als Schulaufwandsträger und als Schnittstelle zwischen Bildung und Wirtschaft in den Fokus. Deutlich wurde dabei, wie eng berufliche Schulen in kommunale Entwicklungsstrategien eingebunden sind. Eine Stadtführung durch die Universitätsstadt Augsburg verstand sich am Nachmittag als historisch, ökonomische Einführung in die Bildungsregion Stadt und Landkreis Augsburg mit ihrer über 2000-jährigen Tradition, von der römischen Gründung, der Fuggerzeit über die Textilindustrie bis hin zu heutigen wissens- und dienstleistungsorientierten Strukturen.
Systemvergleich
Der Besuch des Beruflichen Schulzentrums Landsberg bot am dritten Tag Gelegenheit zum direkten Systemvergleich, da dort ebenfalls Handwerksberufe unterrichtet werden, wie sie auch am Lyceum Nr. 5 in Bishkek verankert sind. Im Austausch mit der Schulleiterin Marion Rüller, Lehrkräften sowie Sven Meyer-Huppmann, Referatsleiter für internationale Angelegenheiten im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, und Robert Stolzenberg, Referatsleiter für EU-Bildungsprogramme am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB), wurden Fragen der Lehrpläne, der technischen Ausstattung, der Unterrichtsorganisation, der Qualitätsentwicklung und internationaler Bildungskooperation erörtert. Die Teilnahme an den Augsburg Light Nights mit der eindrucksvollen Beleuchtung historischer Gebäude setzte am Abend einen weiteren kulturellen Akzent.
Geschichte und Wirtschaft
Ein ganztägiger Aufenthalt in München verband an Tag vier historische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Perspektiven. Stationen wie Schloss Nymphenburg, die BMW-Welt, die Frauenkirche, ein Rundgang durch die Innenstadt und die beleuchtete Allianz-Arena zeigten unterschiedliche Facetten bayerischer Geschichte, Kultur und wirtschaftlicher Identität.
Natur und Welterbe
Ein Sonntagsausflug in den Alpenraum verband Industriekultur, Landschaft und bayerische Geschichte. Der Besuch des Textilmuseums Augsburg schlug eine Brücke zur in Kirgisistan ansässigen Textilindustrie. Das Alpenpanorama auf dem Buchenberg weckte kirgisische Heimatgefühle, und der Besuch von Schloss Neuschwanstein hinterließ bei bestem Herbstwetter nachhaltige Eindrücke.
Institutionen und Netzwerke
Am Staatsinstitut für die Ausbildung von Fachlehrkräften Augsburg stand die Lehrerbildung im Mittelpunkt. Die stellvertretende Institutsleiterin Britta Siemer gab Einblicke in Struktur und Ablauf der ersten Ausbildungsphase, nicht zuletzt mit ausführlichen Gesprächen mit Studierenden. Der anschließende Besuch des Nachwuchsleistungszentrums des FC Augsburg verdeutlichte exemplarisch, wie Schulen mit außerschulischen Partnern kooperieren und Bildungs- sowie Leistungsperspektiven erfolgreich miteinander verbinden. Die Führung durch die WWK-Arena und der Besuch eines Probetrainings der Bundesligisten krönten diesen sechsten Besuchstag.
Im Berufsbildungs- und Technologiezentrum der Handwerkskammer Schwaben wurde am siebten Besuchstag schließlich das duale System in seiner institutionellen Ausprägung im Handwerk bis hin zur Meisterausbildung vorgestellt. Am Beispiel von Ausbildungsordnungen, überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung und Weiterbildungsangeboten gab der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Volker Zimmermann den Gästen einen praxisnahen Überblick über die Rolle der Kammern als Mittler zwischen Staat, Betrieben und Schulen. Ein Besuch der City Galerie Augsburg eröffnete darüber hinaus einen alltagsnahen Blick auf die Berufsbildung im Einzelhandel.
Reflexion und Ausblick
Der letzte Tag bündelte zentrale Themen der Woche wie Klimaschulkonzepte im Rahmen der Agenda 2030, Lehrerbildung in der zweiten Ausbildungsphase, Referendariat sowie praktisches Job-Shadowing in Berufsschule und FOSBOS. In den abschließenden Gesprächen stand weniger der Rückblick als vielmehr die Perspektive zukünftiger Zusammenarbeit im Mittelpunkt. Der Abschied markierte damit keinen Endpunkt, sondern den Übergang von den Beobachtungen der Schulleitungen zur gemeinsamen Weiterentwicklung beruflicher Bildung mit dem anstehenden Austausch von Lehrkräften im kirgisisch-bayerischen Kontext.
Herzlichen Dank
Ein besonderer Dank gilt den Kolleginnen Sabine Schelewsky, Galina Uharenka und Oxana Mironova für die höchstprofessionellen deutsch-russischen Simultanübersetzungen während des gesamten Gegenbesuchs. Darüber hinaus haben auch unsere Kollegin und Augsburg-Fremdenführerin Daniela Sailer, die EuV-Leiterin Elke Bastian mit ihren Schülerinnen und dem vorzüglichen Catering, sowie Conny Ritter mit Referendaren, Fabian Hummel mit dem Klimaschulteam und Martin Brem auf seinem Bauernhof dazu beigetragen, diese praktische Berufsbildungspartnerschaft so eindrucksvoll zu gestalten. Vergelt’s Gott!
Und warum Paris
Für kirgisische Gäste gilt der Besuch des Eiffelturms bei einer Europareise als unverzichtbar, da er als das Symbol für Europa steht. Die knappe Zeit ließ jedoch weder einen Abstecher nach Paris noch an Brandenburger Tor und Mauer zu. Auch der Justizpalast als Schauplatz der Nürnberger Prozesse musste der Geschichtslehrerin Ishekeeva verwehrt werden. Umso mehr überzeugte Bayern mit eigenem Kulturgut wie der Fuggerei, Schloss Nymphenburg und dem UNESCO-Welterbe Neuschwanstein. Mit dem spontan angesetzten Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau und des Gefängnisses Landsberg, in dem Adolf Hitler während seiner Haft „Mein Kampf“ verfasste, wurde dann auch dem großen Interesse an der deutschen und deutsch-sowjetischen Geschichte Rechnung getragen.












